Donnerstag, 29. März 2012

eStory // Gruppe I

Vor einem guten Monat bekamen zwei Gruppen von Lesern meines Blogs einen Anfangssatz zum Schreiben einer Kurzgeschichte..

Friedrich stand am Fenster, blickte nach draußen, sah in der Ferne durch den Nebel hindurch ein paar einzelne Lichter aufblitzen und dachte zurück an die Zeit, als er zum ersten mal hier stand.

Nun wurde die Kurzgeschichte im Reihum-Schreiben enwickelt - jeder durfte immer einen Satz anfügen und schickte die Geschichte an den nächsten in seiner Gruppe. So ging es immer weiter, Satz für Satz, bis zum Abend des 25.3.2012.

Eigentlich hätten inzwischen beide Geschichten der zwei Gruppen fertig geschrieben sein müssen - doch in der einen Gruppe ging sie leider unter, keiner hatte wohl große Muse sie am Leben zu halten und so ist nur eine Geschichte zu mir zurück gekommen. :( Leider habe ich auch erst jetzt davon erfahren.. Das finde ich sehr schade! Es hätte doch wirklich spannend werden können zu sehen wie sich zwei Geschichten so unterschiedlich hätten entwickeln können, obwohl sie doch mit dem gleichen Satz begonnen haben..
l: Edit :l Ich habe den letzten Stand der Geschichte von der zweiten Gruppe erhalten, den ich dann auch noch hier veröffentlichen will.
Mir hat das Projekt großen Spaß gemacht. Ich fand es immer spannend zu lesen was sich meine Mitschreiber ausgedacht haben, wie sich die Geschichte weiter entwickelte, ob es mir wohl geklingen könnte sie in eine bestimmte Richtung zu treiben, ...
Toll war auch, dass es in unserer Gruppe nur wenige Probleme im Ablauf gab, die sich glücklicherweise immer auch noch gut lösen ließen.

Und vielleicht habt ihr ja Lust bald wieder einmal bei solch einer eMail-Geschichte mitzumachen?
Man könnte die Regeln etwas ändern - zum Beispiel, dass ein längerer Text als Einleitung dient. Oder dass beide Gruppen ein unterschiedliches Genre schreiben sollen. Oder auch, dass 5 bestimmte Worte drin vorkommen müssen. Oder, oder, oder?

Nun folgt aber erstmal unsere Geschichte:

Der magische Ring

Friedrich stand am Fenster, blickte nach draußen, sah in der Ferne durch den Nebel hindurch ein paar einzelne Lichter aufblitzen und dachte zurück an die Zeit, als er zum ersten Mal hier stand. Über 10 Jahre waren seither vergangen, aber die Erinnerung an seine erste Begegnung hier war so lebendig, dass er unwillkürlich lächeln musste.

Am Gemäuer des ehemals so prächtigen Herrenhauses nagte der Zahn der Zeit, der Garten war restlos verwildert und der Ballsaal hat lange schon keine glücklichen Paare ihre Pirouetten drehen sehen und dennoch verspürte er fast einen zwanghaften Drang an den Ort zurückkehren, an dem sein Leben eine so schicksalhafte Wendung nahm.

Er schaute hinab auf den goldenen Ring an seinem Mittelfinger, doch in seiner Erinnerung sah er nicht den Ring, sondern die junge Frau vor sich, die ihn damals empört angesprochen hatte: „Hey Sie, falls Sie nicht mit Blindheit geschlagen sein sollten: dies ist Privatbesitz und was in alles in der Welt macht Ihr Hund in meinen Blumenrabatten?“ Friedrich schaute zunächst zu seinem Hund und wendete dann seinen Blick sichtlich empört in die Richtung, aus der die Stimme kam. Das erste, was er sah, waren zwei große, dunkle Augen, die ihn zornig anblitzten und schlagartig wurde ihm klar, woher er sie kannte: Diese beiden rehbraunen Augen hatten sich mit ihrem Blick einst tief in sein Herz gebohrt, nur war sie es wirklich?

War dies Annika, seine Jugendliebe aus Schulzeiten?

Gerade als er anhob, um sie danach zu fragen, klingelte sein kleines neues Mobiltelefon und nach einem Blick auf das moderne Display lief es ihm eiskalt den Rücken herunter, wobei ihm gleichzeitig der Schweiß auf der Stirn stand: Diese Nummer war ihm bekannt und er hatte sich geschworen, nie, aber auch niemals wieder mit der dazu gehörigen Person auch nur ein Wort zu reden. Sein Gesicht errötete als er an Maria dachte, er fragte sich warum sie gerade jetzt anrief, aber Friedrich drückte den Anruf weg und blickte wieder der jungen Frau entgegen. "sagen Sie mal, kennen wir uns?" sie blickte ihn erstaunt an. Der Zorn in ihren Gesicht wich und sie kam langsam, ihn mit ihren Blicken musternd, auf Friedrich zu. Friedrich war sich jetzt sicher, dass vor ihm seine Jugendliebe Annika stand, die gerade, als er ihr seine Liebe gestanden hatte, mit ihrem Vater weggezogen war - seitdem hatte er nie wieder von ihr gehört.

Und nun lachte sie über das ganze Gesicht: "Stimmt, ja, du bist Rainer, das Mathegenie!" "Mathe mochte ich ganz gerne, ja, aber warum nennst du mich Rainer?", fragte Friedrich. Er spürte, wie sich ihm vor Enttäuschung das Herz zusammenzog; so sehr erinnerte sie sich also noch an die gemeinsame Zeit.

"Rainer unser dicker pickeliger Streber hat mir nicht das Herz gebrochen, mein lieber Friedrich. Was traust Du Dich hier wie aus dem Nichts einfach aufzutauchen?" giftete Annika mich an und ihr herzhaftes Lachen entgleiste abrupt.
"Annika, DU hast MIR das Herz gebrochen, warum hast Du Dich nach Deinem Umzug all die Zeit nicht mehr gemeldet?!" rief Friedrich verwirrt und wütend aus.

"Wie denn …" konterte Annika sichtlich erregt, "… deine Managerin M A R I A (sie betonte jeden einzelnen Laut dieses Namens mit hörbarer Verachtung) hat dich doch bewacht, wie ein Schlosshund!"

"Du... du hast also... du hast also versucht mich zu kontaktieren, aber... aber sie... SIE hat das verhindert?" fragte Friedrich ungläubig. Ihm fielen plötzlich die zahlreichen Telefonate von Maria ein, bei denen sie immer ziemlich laut wurde. Wie viele Wahrheiten musste er denn über Maria noch ertragen, reichte es nicht, dass sie ihm beruflich den Boden unter den Füssen weggezogen hat, hat nun auch noch ausgerechnet sie ihm seine wahre Liebe zerstört?

"Annika, Du musst mir glauben, davon wusste ich nichts - Maria hat mich eingewickelt, irgendwann habe ich ihr nachgegeben und wir kamen zusammen, doch sie hat mein Leben zerstört, ich habe Schluss gemacht und will nie wieder ein Wort.." - da klingelte sein Handy erneut.

Nach einem kurzen Blick auf das Display nahm Friedrich das teure Gerät in die rechte Hand – seine Wurfhand – und schleuderte es in hohem Bogen quer über den an das Grundstück angrenzende Feld, wo es etliche Meter weiter kaum hörbar in einer Schlammpfütze zu Boden kam.

"Friedrich, das nützt doch alles nichts mehr.." sagte ihm Annika direkt ins Gesicht, kramte derweil in ihrer Hosentasche, zog einen Ring aus ihr, streckte ihn Friedrich mit den Worten "hier hast du ihn wieder und lass dich nie mehr wieder hier blicken" entgegen, trat ein paar Schritte zurück und verschwand im Haus - Friedrich nahm diesen Ring, steckte ihn an seinen Mittelfinger und nahm den Weg mit seinem Hund wieder auf.
Plötzlich spürte er, wie der Ring an seinem Finger seltsam zu schimmern begann und berührte ihn zaghaft mit der Fingerspitze. Seine Hand schnellte jäh zurück als hätte er sich den Finger verbrannt: Ein eigenartiger dicker Rauch stieg aus dem Siegel des Ringes nach oben, grün wie Absinth. In diesem grünen Rauch schienen auf einmal zwei Augen aufzuleuchten und eine Stimme sprach ihn an: „Merhaba, was kann isch für disch tun, meine Freund und große Meister?“ Friedrich bekam es mit der Angst zu tun und fragte ganz irritiert "Wer bist du?" Zwei Reihen blendend weiße Zähne grinsten ihn an und allmählich erkannte er die Gestalt in dem Rauch. "Ich muss träumen. Sag mir dass ich träume!! Wie kann das sein? Oder dreh ich schön langsam durch?" meinte Friedrich zu niemandem bestimmten. "Wünschscht Du Dir irgendetwas?" fragte die Stimme noch einmal.

Als Friedrich mit hämmernden Kopfschmerzen wieder zu sich kam, befand er sich in einem mit knisternden weißen Linnen bezogenem Bett mitten in einem lichtdurchfluteten Zimmer, seine Hand steckte in einem dicken Verband. Als er in Richtung der Tür blickte, trat eine kleine Truppe Leute ein, die alle weiße Kasacks oder lange Kittel trugen und langsam an sein Bett traten. "Was ist denn passiert? Ich erinnere mich an nichts" sagte Friedrich. "Bleiben Sie ganz ruhig!" sprach der kleinste und dickste der Weißkittel. "Aber ich weiß nicht, wo ich bin, wie ich hier hin gekommen bin und - und - ich weiß nicht einmal mehr, wie ich heiße!"
"Nun…" antwortete dieser und kratze sich lange und ausgiebig an seinem Bart,"…Sie wurden bewusstlos mit einer Art anaphylaktischen Schock vor der Ruine des alten Herrenhauses gefunden! Eine junge Frau hatte den Notarzt alarmiert." In diesem Moment betrat Annika den Raum und nahm lächelnd seine Hand. "Friedrich unser Dramatiker - das hast Du schon immer perfekt beherrscht!"

"Friedrich, so heiße ich also, und darf ich auch den Namen meiner Lebensretterin erfahren?" fragte Friedrich und lächelte Annika fragend an, denn er hoffte, nicht nur ihren Namen zu erfahren, sondern auch Ihre Beziehung zueinander, war sie seine Freundin, gar seine Frau, oder seine Schwester?

Mit knappen Worten erklärte Annika dem erstaunt dreinblickenden Friedrich, wer sie war, woher sie sich kannten und was sie beide verband. "Friedrich, ich bin gekommen, um mich nun von dir verabschieden, denn ich ziehe morgen nach London, ich habe dort eine Stelle angenommen - behalte doch bitte den Ring als Erinnerung und trage ihn zeitlebens an deinem Mittelfinger, er wird dir Glück bringen" und Annika verschwand wieder so schnell wie sie auch gekommen war aus dem Krankenzimmer.

Friedrich schloss kurz die Augen, atmete tief durch und betrachtete erneut den seltsam schimmernden Ring an seinem Finger. Irgendetwas sehr Merkwürdiges passierte hier gerade und er beschloss der Sache auf den Grund zu gehen. Er erinnerte sich an ein grinsendes Gebiss und grünen Rauch, er musste während seiner Ohnmacht seltsame Träume gehabt haben, doch was war das, bildete er es sich ein oder stiegen dort nicht wieder grüne Rauchschwaden in die Höhe?

Zur selben Zeit an einem anderen Ort saß Maria, ehemalige Vertraute und Geliebte Friedrichs in ihrem Designerbüro und blätterte gerade in dem Buch „Halluzinogene Heute“, als plötzlich ihr Telefon klingelte. Sie blickte auf die Nummernanzeige und identifizierte die Telefonnummer: mit einem breiten Lächeln im Gesicht hob sie den Hörer ans Ohr. "Na Du Scheusal? Ist unser Superheld Friedrich zu Boden gegangen? Wie weit hast Du ihn?" säuselte Sie süßlich. Aus dem Hörer erklang die Antwort: "Viel fehlt nicht mehr, er hat jedenfalls den Ring."
"Das Studium der Pharmakologie und das Extrasemester im Tropeninstitut zahlen sich wirklich aus" dachte Maria bei sich, während sie den Ausführungen am anderen Ende der Leitung lauschte. "Gegen das Gift gibt es kein Antitoxin und wenn Friedrich nicht zu der seltenen Spezies gehört, die ein spezielles Leberenzym besitzen, wird sein Körper und auch die heutige Medizin nichts dagegen tun können." Endlich am Ziel, dachte sie leise lächelnd und blickte auf das Portrait auf ihrem Schreibtisch. Sie stand auf, ging zielstrebig in den Raum nebenan und steuerte direkt auf einen sehr antiken Sekretär zu, eines jener Dinge die Friedrich mit anderen Habseligkeiten bei seinem überstürzten Auszug zurückgelassen hatte. Auch auf den Sekretär hatte sie ein Foto gestellt, auf dem ein jüngerer Friedrich mit seinem Freund Georg in die Kamera grinste, wobei Georg im Gegensatz zu Friedrich nicht mehr lebte. "So ihr arroganten Arschlöcher ... das habt ihr nun davon ..." sprach sie und verließ schallend lachend den Raum.

Im Krankenhaus klingelte Friedrich nach der Schwester, es geht ihm zunehmend besser und er möchte endlich was anständiges zu essen - "diese pürierten Sachen könnte man vielleicht seinem Großvater vorsetzen, aber doch nicht mir" warf er der eintretenden Schwester an den Kopf. Die junge Frau hörte jedoch gar nicht hin, mit offenem Mund und immer größer werdenden Augen starrte sie Friedrich an. "Schwester? Hallo, Fräulein!!! Ist Ihnen nicht gut?? Sie schauen mich an als hätten sie einen Geist erblickt!". Eine Stunde später stand Maria an Friedrichs Bett und schaute ungläubig erst auf den wieder putzmunteren Friedrich, und danach auf den goldenen Ring in ihrer Hand: "Aber es wirkt doch, wieso wirkt es nicht bei Dir?" Friedrich antwortete verärgert: „Was in aller Welt redest du da?“

So dachte Friedrich zurück an die Zeit vor über 10 Jahren, als er tatsächlich umgebracht werden sollte - lange hat er es nicht durchblickt.. und nun steht er am Fenster, blickte nach draußen, sah in der Ferne durch den Nebel hindurch ein paar weitere Lichter aufblitzen und plötzlich tauchte ein kleines Mädchen auf und rief „Papa, Papa! Wir sind zurück!“ – er dreht sich um und umarmte Pia mit den Gedanken, dass er so froh ist, dass er gerettet wurde und das alles noch erleben könne, sodass er zum Zeichen dafür noch heute diesen Ring an seinem Mittelfinger trägt.

- Sandi, Kerstin, Tessa, Sabiene und ich -

Kommentare:

  1. Du hast ein schönes Ende gefunden! :-) Die Geschichte ist ganz schön lang geworden, oder? Lg, Tessa

    P.S.: Schade, ich war auf die andere Geschichte gespannt. Gibt es denn nicht wenigstens ein paar Sätze dort?

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    1. Ich habe den letzten Stand der Geschichte von der zweiten Gruppe erhalten, den ich dann auch noch hier veröffentlichen will.

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  2. Ich bin/war auch sehr enttäuscht, dass die Geschichte in unserer Gruppe nicht weiter ging (dachte schon, ich hätte irgendeine Änderung nicht mitbekommen). Garantiert schlummert sie irgendwo als SPAM...
    Schade, mir hat es auch sehr viel Spaß gemacht und ich hoffe auf eine neue Runde!

    LG Hella

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  3. Hahahaha, wie lustig! :D Das aus diesem Anfang sowas wird... :) Sehr cool!

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  4. Die Geschichte ist wirklich gut geworden, vor allen Dingen habe ich mir immer Gedanken über das mögliche Ende gemacht. Aber ihr habt den Bogen gut hinbekommen!
    Es hat mir Spaß gemacht, bei der Story mitzuschreiben. Tessa *rüberwink* und ich hatten ja die seltsamsten technischen Probleme, aber letztendlich haben wir das auch geschafft.
    Danke, dass du diese Aktion initiert hast!
    Sabienes

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  5. Ein tolles Ende gefunden!! Absolut! Die böse Maria hat es nicht geschafft ;-)
    Ja es hat absolut Spaß gemacht und ich bin bei einer neuen Runde sehr gerne dabei!
    Interessant gemacht hat da ganze vor allem die scheinbar sehr unterschiedlichen "Typen" die mitgeschrieben haben. Ich hab mit Sätzen manchesmal versucht die Geschichte in eine bestimmte Richtung zu lenken - und war immer wieder sehr überrascht was passiert ist als es sie wieder zu mir zurückkam.
    Eine tolle Idee von Dir - sehr kreativ mit viel Spaß!
    LG Kerstin

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